KI-Design-Systeme aus Pappe. KI-Design-Systeme aus Pappe.

Meinung

KI-Design-Systeme aus Pappe.

Kommt dir das bekannt vor? Du öffnest LinkedIn, scrollst ein bisschen, und plötzlich liest du:
„Ich habe in 2 Stunden ein komplettes Design System mit KI erstellt“
Und da ist es. Alles sauber, ordentlich, beeindruckend. Perfekt benannte Tokens. Makellose Komponenten. Dokumentation fast wie von Zauberhand erstellt.
Willkommen in der faszinierenden Welt der sofortigen Designsysteme, wo ein gut gestyltes Theme plötzlich zur Produktarchitektur auf Raumfahrt-Niveau wird.

Lass uns ehrlich sein. In vielen dieser Fälle ist das, was als „Design System“ verkauft wird, in Wirklichkeit: eine Sammlung von Styles, vier Basis-Komponenten, eine Menge Enthusiasmus—und sehr wenig Erfahrung mit echten Projekten.

Was wir früher einfach „Framework sauber konfigurieren“ nannten, braucht heute offenbar einen seriöseren Namen. Strategischer. Mehr… marketingtauglich.
Denn natürlich klingt: „Ich habe ein konsistentes Theme gebaut“; nicht so beeindruckend wie:„Ich habe ein KI-gestütztes Design System erstellt“. Letzteres ist einfach… Cool.

Die Logik ist die gleiche wie immer: Man nimmt etwas Einfaches und verpackt es in genug Komplexität, damit es wichtig wirkt.

Wenn dir das bekannt vorkommt, ist das kein Zufall. Es ist genau das gleiche Muster wie bei den Workshops: einfache Projekte—Corporate Websites, Produkte ohne echte Komplexität—durch überdimensionierte Prozesse zu jagen, um Dinge „zu entdecken“, die von Anfang an klar waren.
Jetzt haben wir einfach den Meetingraum durch KI ersetzt. Aber die Logik ist identisch.

Versteh mich nicht falsch: KI ist extrem nützlich. Sie ermöglicht es dir, in Minuten eine visuelle Basis zu erstellen, Tokens zu definieren, Komponenten zu generieren und alles zu dokumentieren. Perfekt. Das Problem beginnt, wenn wir das mit einem echten System verwechseln. Denn ein Design System entsteht nicht, wenn du Farben definierst.

Ein Design System wird dann notwendig, wenn echte Probleme auftreten:

  • Konsistenz zwischen Teams (Gibt es überhaupt mehrere Designteams?).
  • Widersprüchliche Entscheidungen (Machen dich die Stakeholder wahnsinnig?).
  • Spezielle Fälle, die nicht ins System passen (Wird dein Produkt in 6 Monaten wirklich skalieren?).

Also: Welches Problem löst du eigentlich? Wenn du zu lange darüber nachdenken musst… wahrscheinlich keines.

Diese Probleme löst man nicht mit einem Prompt und der Test ist einfach.
Nimm den Klassiker: eine Corporate Website. Alles klar. Alles definiert. Geringe Komplexität. Keine Skalierung.
Die einfache Frage: Welches Problem löst du mit einem Design System? Wenn du nachdenken musst… gibt es keins.
Und dann passiert das Übliche. Du startest einfach und endest mit: kryptischen Token-Namen, überabstrakten Komponenten, Regeln für eine Zukunft, die nie kommt.
Das Ergebnis: ein kleiner digitaler Frankenstein. Diesmal mit KI.

Warum passiert das immer wieder? “Because it sells”.

Komplexität wirkt professionell. KI wirkt innovativ. Und „Design System“ klingt wichtig.
Gesunder Menschenverstand dagegen bringt wenig Aufmerksamkeit.

Aber die Realität ist unverändert: Nicht jedes Projekt braucht ein Design System und nicht alles, was wie ein System aussieht… ist auch eines.

Manchmal reicht es, das Einfache gut zu machen. Ohne Theater. Ohne aufgeblasene Begriffe. Ohne wieder einmal ein hübsches Design System aus Pappe zu bauen.